Impuls

Warum Führungskräfte ihre Ecken und Kanten brauchen

Beitragsbild zum Thema Reflexion für Führungskräfte: Eine Person steht an der Spitze einer felsigen Berglandschaft. Der Titel des Beitrags lautet:„Warum Führungskräfte ihre Ecken und Kanten brauchen“

In meinem letzten Artikel habe ich über Gelassenheit in Zeiten des Anpassungsdrucks geschrieben. Seitdem beschäftigt mich eine Frage weiter: Wie bleibt man eigentlich bei sich, wenn rund um Führung so viele Bilder, Erwartungen und Ideale im Umlauf sind?

Vielleicht ist genau das heute eine der größten Herausforderungen für Führungskräfte.

Denn wer führt, soll inzwischen vieles zugleich sein: klar und empathisch, souverän und nahbar, strategisch und menschlich, entschlossen und sensibel. Was dabei leicht verloren geht, ist die eigentliche Person.

Vielleicht arbeiten viele Führungskräfte heute nicht zu wenig an sich, sondern zu oft am falschen Bild von Führung.

Führung darf Ecken und Kanten haben

Ich halte es für problematisch, wenn wir Führung immer häufiger mit Glätte verwechseln. Mit einem Bild von Professionalität, das wenig Raum lässt für Ambivalenz, Reibung und echte Reifung.

Dabei glaube ich: Führung darf Ecken und Kanten haben. Mehr noch: Gute Führung braucht sie.

Eine Führungskraft muss nicht in ein Stereotyp passen. Sie muss nicht dem Bild entsprechen, das andere von „guter Führung“ entwerfen. Wer führt, darf eine eigene Sprache haben, eine eigene Präsenz, eine eigene Art, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen.

Denn wenn wir ernsthaft sagen, Führung solle menschlich sein, dann müssen wir auch akzeptieren, dass Menschen nicht perfekt ausbalanciert sind. Persönlichkeit bringt Stärken mit sich, aber auch Reibung. Und genau deshalb ist Reflexion so wichtig.

Reflexion ist nicht dasselbe wie Selbstoptimierung

Was mich an manchen Coaching-Trends irritiert, ist nicht ihr Anspruch, Entwicklung zu ermöglichen. Problematisch wird es dort, wo von Anfang an ein Soll-Zustand mitschwingt. Wo unausgesprochen feststeht, wie eine gute Führungskraft zu sein hat.

Dann geht es nicht mehr um ein wirkliches Verstehen der eigenen Persönlichkeit. Dann geht es um Anpassung.

Natürlich kann Coaching reflexiv sein. Aber ich beobachte auch einen Coaching-Automatismus unserer Zeit: viele Tools, viele Modelle, viele eingängige Formate, viel Oberfläche – und oft erstaunlich wenig Raum für die offene Frage: Wer bin ich eigentlich in meiner Art zu führen?

Für mich beginnt Reflexion genau dort, wo diese Frage nicht vorschnell beantwortet wird.

Die eigene Persönlichkeit besser verstehen

Reflexion heißt nicht, sich selbst zu optimieren. Es heißt zunächst, sich anzuschauen: die eigene Persönlichkeit, das eigene Verhalten, die eigene Wirkung.

Zu verstehen, was einen ausmacht. Zu erkennen, in welchen Situationen bestimmte Eigenschaften Gold wert sind. Und ebenso ehrlich hinzusehen, wo genau dieselben Eigenschaften schwierig werden können.

Vielleicht ist Entschlossenheit in Krisen eine Stärke, im Team aber manchmal auch eine Härte. Vielleicht ist Sensibilität ein wichtiger Kompass, in angespannten Situationen aber auch eine Quelle von Überforderung. Vielleicht schützt Distanz in bestimmten Rollen, verhindert aber zugleich Nähe und Vertrauen.

Genau in solchen Spannungsfeldern liegt die eigentliche Arbeit.

Reflexion entsteht im kommunikativen Raum

Für mich ist Reflexion kein stiller Vorgang, bei dem jemand allein über sich nachdenkt und am Ende mit einer fertigen Erkenntnis wieder auftaucht. Reflexion entsteht oft erst im Sprechen.

Hier finde ich einen Gedanken von Jürgen Habermas sehr treffend: Reflexion ist nicht einfach eine einsame Bewegung des Bewusstseins. Sie ist kommunikativ verankert. Selbsterkenntnis entsteht nicht nur im Inneren, sondern auch dort, wo Gedanken ausgesprochen, gehört, gespiegelt und in Beziehung gesetzt werden.

Genau darin liegt die Kraft reflexiver Formate.

Wenn Führungskräfte laut aussprechen, was sie beobachten, was sie beschäftigt, was sie fühlen, dann passiert etwas. Gedanken bekommen eine Form. Gefühle werden greifbarer. Das, was vorher diffus war, wird bearbeitbar. Es entsteht Distanz – nicht im Sinne von Kälte, sondern im Sinne von Betrachtbarkeit.

Und erst aus dieser Distanz kann Bewegung entstehen.

Reifung ist nicht vollständig planbar

Ich glaube nicht, dass Veränderung in solchen Prozessen deshalb geschieht, weil jemand die richtige Methode zeigt. Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo etwas innerlich in Bewegung gerät. Wo neue Gedanken nicht nur aufgenommen, sondern langsam wirklich begriffen werden.

Manche Einsichten reifen erst später. Nicht alles, was wichtig ist, ist sofort verfügbar.

Vielleicht ist das ein entscheidender Unterschied zwischen Reflexion und vielen standardisierten Entwicklungsformaten: Reflexion ist nicht vollständig planbar. Sie ist nicht immer effizient. Und sie lässt sich nicht restlos auf ein Ergebnis hin organisieren.

Aber gerade deshalb ist sie so bedeutsam.

Nicht glatter werden, sondern bewusster

Führung braucht aus meiner Sicht nicht noch mehr Menschen, die gelernt haben, wie man richtig wirkt. Führung braucht Menschen, die sich selbst kennen. Die ihre Ecken und Kanten nicht verstecken müssen. Die um ihre Muster wissen. Die ihre Stärken nicht idealisieren, aber auch ihre Begrenzungen nicht verdrängen.

Das braucht Mut.

Den Mut, sich nicht vorschnell in ein Führungsbild hineinzupressen. Den Mut, die eigene Widersprüchlichkeit auszuhalten. Den Mut, Reifung nicht mit Selbstoptimierung zu verwechseln.

Reflexion ist deshalb kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Führung nicht bloß nach außen wirkt, sondern innerlich getragen ist – von Klarheit und Selbstkenntnis.

Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je: nicht perfekter zu werden, sondern wahrhaftiger in der Art, wie man führt.


In der Spannung liegt die Haltung!

Ihre Valérie Turbot, die Coachin an Ihrer Seite.

Valérie Turbot - Organisationsberaterin und Coachin
Valérie Turbot
Beraterin – Coachin – Supervisorin
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