Impuls

Teamkonflikte: Warum „mehr Kommunikation“ oft die falsche Antwort ist - und was stattdessen hilft

In einem Besprechungsraum sitzt ein Team an einem Tisch. Die Stimmung ist angespannt. Mehrere Personen sprechen gleichzeitig und gestikulieren, was auf einen Konflikt oder eine hitzige Diskussion hindeutet. Im Vordergrund sitzt eine Frau, die beide Hände an den Kopf gelegt hat. Sie schaut nach unten und wirkt überfordert oder belastet. Ihre Körperhaltung hebt sich deutlich von der der anderen Personen ab. Es ist erkennbar, dass im Raum eine konfliktreiche und emotional aufgeladene Situation herrscht.

Warum einfache Konfliktlösungen oft nach hinten losgehen

Teamkonflikte sind anstrengend, zeitraubend und kostspielig – besonders, wenn sie gute Mitarbeiter*innen vertreiben. Kein Wunder, dass viele Führungskräfte und Berater*innen zu schnellen Antworten greifen:

  • „Wir müssen besser kommunizieren!“
  • „Mehr Wertschätzung zeigen!“
  • „Lasst uns Regeln aufstellen!“

Doch was, wenn diese Ratschläge das Problem verschärfen?

Peter Senge bringt es auf den Punkt:

„Wir konzentrieren uns auf die Symptome, die den stärksten Druck machen – statt auf die Strukturen, die dahinterstecken.“

Das eigentliche Problem: Viele Konflikte werden mit Pflastern behandelt, während die ursächlichen Dynamiken unangetastet bleiben.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Kommunikation als Konfliktlösung nicht reicht

Ein Leitungsteam (zwei Frauen, ein Mann) hatte ständige Reibereien. Die Organisation gab ihnen völlige Freiheit – doch ein Kollege unterlief jedoch regelmäßig Absprachen - ohne Konsequenzen. Die erste Idee: Kommunikationstraining.

Im Verlauf zeigte sich: Das System belohnte Alleingänge. Die pragmatische Lösung:

  • Die Kolleginnen verabschieden sie sich von der Idee eines "klassischen Teams".
  • Der Kollege Blieb bei seinem Arbeitsstil – berichtete aber freiwillig über seine Aktivitäten.
  • Der Konflikt blieb bestehen – doch das Team rieb sich nicht länger auf.

Lehre: Nicht alles lässt sich "lösen". Oft hilft ein realistisches Arrangement, das Machverhältnisse und Interesse anerkennt.

Drei weitverbreitete Mythen über Konflikte – und warum sie gefährlich sind

1. „Die haben sich nur nicht richtig verstanden!“

Realität: Schlechte Kommunikation ist selten die Hauptursache – oft ist sie nur ein Symptom tieferliegender Probleme.

Beispiel: Ein Team streitet sich über Prioritäten. Die vermeintliche Lösung: „Mehr Meetings!“ Doch der echte Konflikt liegt woanders:

  • Die Marketingabteilung will schnelle Ergebnisse,
  • die Entwicklung braucht Zeit für Qualität.

Mehr Meetings? Das würde den Konflikt nur auf Nebenschauplätze verlagern – die grundlegende Spannung bliebe ungelöst.

💡 Wichtig: Wenn Interessen oder Machtverhältnisse kollidieren, hilft kein noch so gutes Gespräch – solange die strukturellen Ursachen bestehen.

2. „Einfach mehr loben – dann wird alles gut!“

Realität: Das berühmte „Losada-Verhältnis“ (5:1 positives zu negativem Feedback) ist wissenschaftlich widerlegt (Brown et al., 2013). Was wirklich zählt:

  • Authentische Wertschätzung (Edmondson, 2018) – nicht erzwungenes Lob.
  • Konstruktive Kritik – nicht „nie meckern“.
  • Klare Interessen – wer will was und warum?.

💬 Ehrliche Frage: Haben Sie schon erlebt, dass „aufgesetztes Lob“ nach hinten losging?

💡 Wichtig: Es geht nicht um starre Prozentregeln, sondern um echte Resonanz und klare Interessen.

3. „Wenn wir nur klare Regeln hätten!“

Realität: Regeln können helfen – aber nur, solange der Konflikt noch klein ist.

Ab Eskalationsstufe 4 (wenn Koalitionen entstehen und es um „Gesichtsverlust“ geht) werden Regeln zur Waffe.

Beispiel: Eine „Feedback-Regel“ wird plötzlich genutzt, um Kolleg:innen bewusst bloßzustellen: „Siehst du! Die hält sich schon wieder nicht dran – die will uns sabotieren!“

Regeln sind wie Pflaster:

  • Früh im Konflikt: Sie helfen.
  • Spät im Konflikt: Sie verschärfen in diesem Stadium die Polarisierung.

Was wirklich hilft: Zwei Modelle, die für den Umgang mit Konflikten funktionieren

ModellWann es nütztIntervention
Glasls EskalationsstufenUm früh zu erkennen: Können wir noch reden – oder blockieren wir uns gegenseitig?Stufe 1–3: Dialog, interne Moderation, klare Absprechen.
Stufe 4+: strukturelle Eingriffe (z.B. Rollen, Entscheidungswege), oft externe Moderation.
Harvard-KonzeptUm Interessen hinter Positionen zu finden.Was ist wichtig? Optionen entwickeln, die die Kerninteressen bedienen, neutrale Kriterien nutzen (Daten, Benchmarks). Macht- und Entscheidungswege transparent machen.

Praxistipp:

  • Frühe Konflikte: Klare Zuständigkeiten und Erwartungen definieren.
  • Späte Konflikte: Regeln verschärfen nur; es braucht Verhaltensänderungen und systemische Korrekturen.

Warum wir einfache Lösungen bei Teamkonflikten lieben – und das riskant ist

  • Bequemlichkeit: „Mehr Kommunikation!“ verkauft sich einfacher als „Lasst uns Machtasymmetrien analysieren.“
  • Kontrollwunsch: Regeln vermitteln Ordnung - auch wenn sie den Kern nicht berühren.
  • Marktdruck: Standard-Workshops sind leichter zu skalieren als individuelle Analysen.
  • Falsche Hebel: Führungskräfte steuern oft Symptome, nicht Budget-/Personal-/Entscheidungshebel.

Fazit: Drei Schritte für echte Konfliktarbeit

  1. Diagnose: Wo stehen wir auf Glasls Skala? Welche Interessen und Machtfragen wirken?
  2. Mut: Unangenehme Wahrheiten aussprechen und aushalten.
  3. Struktur: Klare Prozesse als Rahmen, nicht als Korsett.

Ihr nächster Schritt: Hinterfragen Sie die nächsten drei "Konfliktlösungen:
Gehen sie an die Ursache – oder behandeln sie nur Symptome?


Zum Weiterlesen


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